Studienfahrt nach Auschwitz

Studienfahrt nach Auschwitz

„Auschwitz“ – ein Symbol für Unmenschlichkeit, für die Abgründe des Nationalsozialismus, für den Holocaust. Und: ein Ort. Ein Ort in Südpolen, der auf Polnisch Oświęcim heißt. Man kennt „Auschwitz“ häufig nur aus Erzählungen, Filmen oder Bildern. „Auschwitz“ ist mit einem dumpfen Gefühl des Schreckens verbunden, aber oft ist es unkonkret und eben vor allem ein Gefühl. Mit dem Ziel, dieses abstrakte Gefühl greifbar zu machen und den Ort „in echt“ zu erleben und zu verstehen, hat sich eine Gruppe aus 19 Schülerinnen und Schülern sowie Frau Bargmann und Herr Stock vom 20. bis zum 24. Oktober auf eine fünftägige Studienreise nach Oświęcim begeben.

Übernachtet haben wir in der „Internationalen Jugendbegegnungsstätte“ in Oświęcim, die Ende der 1980er-Jahre das erfolgreiche Ergebnis eines langen Prozesses war. Es entstand ein von der deutschen Initiative „Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste“ und der polnischen Gemeinde Oświęcim gemeinsam betriebenes Begegnungszentrum für Jugendliche, das seither Erinnerungs-, Begegnungs- und Versöhnungsarbeit leistet.

Am 21. Oktober besuchten wir das Stammlager Auschwitz I. Zur Orientierung: Hinter dem Wort „Auschwitz“ verbergen sich hauptsächlich drei Lager der Nationalsozialisten: das Stammlager Auschwitz I (ein Konzentrationslager), das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) und das Zwangsarbeiterlager Monowitz (Auschwitz III). In den Blocks des Stammlagers befinden sich heute Ausstellungsräume, die sich mit der Geschichte aller Lager in Auschwitz beschäftigen.

Die Atmosphäre war bedrückend. Durch eine dreieinhalbstündige Führung und die Ausstellungen haben wir viel über den Lagerkomplex, die NS-Ideologie und die Organisation der Verbrechen erfahren. Dazu gehörte das Geschehen vor Ort, aber auch die Eingliederung in das große SS-Lagersystem, von dem Auschwitz ein Teil war. Wir sahen die Baracken, das berüchtigte Eingangstor des Stammlagers mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“ und Berge aus Haaren, Brillen, Koffern, Schuhen und Kinderschuhen. Obwohl aus dem Geschichtsunterricht bekannt, waren die Erlebnisse überwältigend. Einige hatten Tränen in den Augen, andere starrten nachdenklich auf das Gelände. Das eigentliche Vernichtungslager war Auschwitz II (Birkenau, s.u.), doch auch im Stammlager Auschwitz I wurde gemordet. Für Erschießungen gab es eine eigens eingerichtete „Schwarze Wand“, und im „Bunker“ Block 11 im Keller befand sich ein Lagergefängnis, in dem Menschen gequält und 1941 erstmals durch Massenvergasung mit Zyklon B ermordet wurden.

Wir sahen auch die Villa, in der der Lagerkommandant Rudolf Höß mit seiner Familie lebte. Höß war verantwortlich für den Tod von mehr als einer Million Menschen. Sein Haus stand nur wenige Meter vom Konzentrationslager entfernt.
Orte wie die Lagerküche, der Appellplatz oder das Lager für den hinterlassenen Besitz der Häftlinge führten uns die komplexe Organisation der Verbrechen vor Augen.

Auch wenn das kaum mehr möglich schien, verstärkte sich dieser Eindruck am nächsten Tag noch. Am Mittwoch, dem 22. Oktober, fuhren wir nach Birkenau (polnisch: Brzezinka). Hier befand sich das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Wenn das Wort „Auschwitz“ benutzt wird, wird häufig von diesem Lager gesprochen. Hier wurden 1,1 Million Menschen ermordet, davon knapp eine Million Juden. Das Lager „Auschwitz-Birkenau“ wurde 1941 gebaut und stetig erweitert. Berühmt ist das Torhaus, durch das ab 1944 die Züge mit den Menschen direkt ins Lager fuhren.

Wir stiegen an der „Alten Judenrampe“ aus dem Bus. Dort kamen die Züge anfangs an, die die Menschen zum Vernichtungslager brachten. Ab 1944 wurden fuhren die Züge – da es effizienter war – direkt ins Lager, wo es eine weitere „Judenrampe“ gibt. Hier fanden die sogenannten Selektionen statt – so nannten die NS-Täter den Vorgang, bei dem sie entschieden, wer ins Lager eingewiesen oder wer direkt in den Gaskammern ermordet wurde. Die „Selektion“ wurde von SS-Ärzten durchgeführt. Auf dem Weg ins Lager liefen wir durch eine kleine Siedlung, vorbei an Wohnhäusern, Gärten und einem Spielplatz – ein surreales Erlebnis. Beim Lager angekommen mussten wir erstmal den Anblick des Tores, der Betonpfeiler und des Stacheldrahtes verarbeiten. Das Lager ist groß. Obwohl die SS das Lager bei der Flucht vor der „Roten Armee“ zerstörte, um die Spuren zu verwischen und Beweise zu vernichten, gibt es noch viele Überreste.

Nach dem ersten Eindruck begann die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Ort und den Geschehnissen, die hier stattfanden. Die Führung wurde von den gleichen Guides gemacht wie am Tag zuvor. Für mich warf sie mehr Fragen auf als Antworten auf, was nicht an den Guides lag. Doch der Ort ließ mich fassungslos zurück. Die Ausmaße, die Dimensionen und nicht zuletzt das Leid selbst waren so groß, dass es für mich nicht zu beschreiben oder zu begreifen ist. Was mit dem Schlagwort der „Einzigartigkeit des Holocaust“ gemeint ist, habe ich hier zum ersten Mal wirklich begriffen.

Wir besichtigten unter anderem die Baracken, die Haarschneideräume, die „Rampe“ und die Gaskammern mit den Krematorien. Von denen gab es vier sowie Gaskammern in zwei Bauernhäuser, „Bunker“ genannt. So vergasten die Nationalsozialisten an einem Tag mehrere Tausend Menschen und verbrannten sie anschließend.

Die systematische Organisation der Massenmorde war erschreckend durchdacht. Es wurde deutlich: Die SS konnte dieses riesige Lager nicht allein „am Laufen“ halten. Die Reichsbahn ermöglichte den Transport der Züge, die Krematorien und Teile der Gaskammern wurden von der Erfurter Firma „J. A. Topf & Söhne“ entwickelt und hergestellt. Das sind nur zwei Beispiele, es gibt viele mehr.

Neben den beiden Lagern besuchten wir die Ausstellung eines Zeitzeugen (Marian Kołodziej) und einige von uns auch eine Installation des Künstlers Gerhard Richter, die sich auf dem Gelände unserer Unterkunft befand. Marian Kołodziej war einer der ersten Häftlinge im Stammlager (Häftlingsnummer: 432). Fast 50 Jahre lang konnte er nicht über seine Zeit im Lager sprechen. Nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, begann er, seine Erlebnisse durch Zeichnungen zu Papier zu bringen. In 16 Jahren entwickelte Kołodziej eine gesamte Ausstellung, die heute in einem Kloster in Harmęże besichtigt werden kann. Die Atmosphäre in der unterirdischen Ausstellung war bedrückend und unheimlich – überall Zeichnungen von Häftlingen, die einen anstarrten. Für viele war dieser Besuch ein wichtiger konkreter Zugang zu dem, was wir bereits über die Lager gehört hatten.

Eine Stadtführung und ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof gaben uns einen Überblick über die lange und vielfältige Geschichte der Stadt Oświęcim vor und nach Auschwitz.

Am Donnerstag fand in unserer Unterkunft ein Zeitzeuginnnengespräch mit Stefania Wernik statt. Es war beeindruckend, mithilfe einer Dolmetscherin live die auf Polnisch erzählte Geschichte von Frau Wernik zu erfahren. Sie erzählte von ihrer Mutter, die sie 1944 in Auschwitz-Birkenau zur Welt brachte und wie die beiden ihr Leben lang unter diesem Lageraufenthalt litten. An Stefania Wernik wurden als Baby vom berüchtigten SS-Lagerarzt Josef Mengele pseudowissenschaftliche Experimente durchgeführt. Ihre Geschichte war traurig und bewegend. Wir konnten Rückfragen stellen, die sie alle beantwortete.

Die fünf Tage in Auschwitz waren anstrengend. Um noch einmal auf die Einleitung zurückzukommen: „Auschwitz“ ist für mich kein abstraktes Symbol mehr, sondern ein konkreter Ort, verbunden mit konkreten Taten. In diesem Sinne war die Fahrt erfolgreich. Wirklich „verstanden“ habe ich den Ort und die Taten nicht. „Auschwitz“ ist nicht zu verstehen. Je mehr ich mich mit der Shoah beschäftige, desto weniger verstehe ich, wie Menschen anderen so etwas antun konnten. Was ich mitnehme: „Auschwitz“ darf sich niemals wiederholen.

Julius Fleiter, 26. Oktober 2025